-von Pfarrerin Regina Brüggemann-
„Früher war alles besser.“ Ein Satz, liebe Gemeinde, den man immer wieder hört.
Manchmal mit einem Augenzwinkern. Manchmal aus echter Sehnsucht nach einer Zeit, die im Rückblick einfacher erscheint, überschaubarer und vertrauter. Und manchmal steckt darin ja auch ein kleines bisschen Wahrheit. Früher war manches anders. Und manches war vielleicht tatsächlich schöner.
Schauen Sie sich einmal hier in unseren Stuhlreihen um. Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von Ihnen hat in letzter Zeit selbst schon einmal gedacht: „Früher war alles besser“? Ich kann das gut verstehen. Gerade wenn wir heute auf diese Kapelle schauen. 90 Jahre! Das sind nicht einfach 90 Jahre Geschichte. Das sind Menschen. Mit ihren Lebensgeschichten.
Das sind unzählige Gottesdienste, Gebete, Lieder, Freudentränen und Tränen der Trauer. Menschen haben hier geheiratet und ihre Kinder zur Taufe gebracht. Viele von Ihnen verbinden ganz persönliche Erinnerungen mit diesem Raum.
Wenn Sie mögen, schließen Sie für einen Augenblick die Augen. Welchen Moment verbinden Sie ganz persönlich mit diesem Raum? Vielleicht gibt es ein Gebet oder ein Lied, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht denken Sie jetzt auch an jemanden, der früher hier neben Ihnen saß und heute nicht mehr da ist. So ist eine Kapelle mehr als ein Gebäude. Sie ist ein Raum, der Erinnerungen bewahren kann.
90 Jahre Kapelle – da kommt einiges zusammen. Und vielleicht denken manche heute:
„Ja – früher war es hier besser.“ Aber war früher wirklich alles besser?
Ein Blick in die Geschichte dieser Kapelle erzählt eine andere, eine ehrlichere Geschichte. Als 1935 mit ihrem Bau begonnen wurde, war die Welt alles andere als heil. Auf einem Foto von der Grundsteinlegung sind Hakenkreuzfahnen zu sehen. Das ist heute schwer auszuhalten. Und gerade deshalb gehört auch dieser Anblick zu ihrer Geschichte. Diese Kapelle steht nicht außerhalb der Geschichte. Sie steht mitten in ihr – mit allem, was Menschen hoffen und schaffen, aber auch mit dem, woran Menschen schuldig werden.
Auch Kirche ist nicht davor geschützt, sich zu verstricken, Fehler zu machen und Schuld auf sich zu laden. Auch baulich war diese Kapelle in den vergangenen Jahrzehnten ein Ort des Wandels. Sie wurde renoviert und saniert. Eine Zeit lang musste sie ihre Türen ganz schließen bis sie 2019 wieder geöffnet werden konnten. Vielleicht ist gerade das ein schönes Bild für einen der reformatorischen Grundgedanken: Ecclesia semper reformanda est – Kirche muss ständig reformiert werden. Sie muss sich immer wieder erneuern, um sie selbst zu bleiben.
Dass Veränderung nicht das Ende von Kirche bedeutet, sondern ihr Wachstum ermöglichen kann, zeigt uns schon die erste christliche Gemeinde:
1In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. (Apg, 6, 1-7)
Die erste christliche Gemeinde – das große Vorbild? Keineswegs. Dort gab es Streit und Ungerechtigkeit. Die griechischsprachigen Witwen wurden bei der täglichen Versorgung übersehen. Das sorgte für böses Blut. Und was machen die Apostel? Sie sagen nicht: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Sie hören hin. Sie erkennen, dass etwas nicht stimmt – und dass sie selbst nicht alles schaffen können. Also teilen sie Verantwortung. Sieben andere Menschen übernehmen fortan die Aufgabe der diakonischen Versorgung. Diese Strukturveränderung ist keine Krise, an der die Urgemeinde zerbricht. Im Gegenteil.
Es ist ein Moment, in dem sie wächst.
Und genau hier berührt sich die Geschichte der ersten Gemeinde mit der Geschichte dieser Kapelle. Sie wurde damals gebaut, weil sich die Gemeinde verändert hatte. Als es in den 1920er Jahren immer mehr Evangelische in Bad Salzig gab, entstand der Wunsch: Wir wollen nicht immer nach Boppard fahren müssen. Wir wollen hier unseren eigenen Ort für Gottesdienste haben. Also haben Menschen angepackt. Sie haben geplant, gebaut, Geld gegeben, Zeit und Kraft investiert. Sie haben gesagt: Dieser Ort ist uns wichtig. Hier soll Kirche sein.
Und so entstand dieser Ort. Ein Ort, auf den sie – zu Recht – stolz sein dürfen. Denn diese Kapelle ist nicht einfach ein schönes Gebäude. Sie ist ein Stück Heimat. Aber ihr eigentlicher Schatz sind nicht die Steine. Ihr eigentlicher Schatz ist das, was in diesen Steinen eschehen ist. Gottes Wort wurde gehört, Sakramente wurden gefeiert, Trost wurde gespendet. 90 Jahre lang. Deshalb feiern wir heute nicht nur ein Gebäude. Wir feiern 90 Jahre gelebten Glauben.
Und was heißt das für die Zukunft? Der Predigttext gibt uns zwei Hinweise.
Erstens: Kirche muss hinschauen. Die Apostel bemerkten, dass Menschen übersehen wurden. Auch heute gibt es Menschen, die leicht übersehen werden: Menschen, die einsam sind, Sorgen haben oder sich nicht mehr zugehörig fühlen. Das heutige Evangelium vom barmherzigen Samariter bringt es auf den Punkt: Christliche Liebe ist nicht nur ein schöner Gedanke. Sie hat Hände und Füße.
Schauen Sie deshalb noch einmal kurz nach links und rechts. Da sitzen Menschen. Mit ihrer eigenen Geschichte. Mit ihren Freuden und Sorgen. Mit dem, was man sieht – und mit dem, was man nicht sieht. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Jesus uns sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es beginnt ganz einfach: Ich sehe dich. Ich nehme dich wahr. Du bist nicht allein.
Zweitens: Kirche muss Verantwortung teilen. Die Apostel wussten: Wir können nicht alles selbst machen. Auch heute lebt eine lebendige Gemeinde davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen – hauptamtlich und ehrenamtlich, Menschen, die schon lange dazugehören, und Menschen, die neu dazukommen. Niemand muss alles können. Aber jede und jeder kann etwas beitragen. Der eine spielt Posaune. Die andere organisiert. Eine andere öffnet die Tür. Und wieder jemand sorgt einfach dafür, dass ein Mensch merkt:
Du bist willkommen. Das ist Gemeinde. Nicht weil wir alle gleich sind. Sondern weil uns Christus verbindet.
Deshalb dürfen wir heute mit dankbarem Stolz auf diese Kapelle schauen: auf 90 Jahre gelebten Glauben, auf Menschen, die sie gebaut und erhalten haben, und auf einen Ort, der vielen zur Heimat geworden ist.
Als die Kapelle am 26. April 1936 eingeweiht wurde, lag der Predigt ein Wort Jesu aus dem Johannesevangelium zugrunde: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ein Wort für den Anfang. Und 90 Jahre später auch ein Wort für die Zukunft. Wir wissen nicht, wie Kirche in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Aber wir müssen die Zukunft nicht kennen, um ihr vertrauen zu können. Denn unser Glaube hängt nicht an vergangenen Zeiten. Er hängt an Christus. Nicht: „Früher war alles besser.“ Sondern: Gott war mit uns. Gott ist mit uns. Und Gott wird mit uns sein.
90 Jahre Kapelle Bad Salzig – ein Stück evangelische Heimat. Dafür sagen wir heute: Gott sei Dank! Für das, was war. Für das, was ist. Und für das, was kommt.
Amen.