Predigt zum Thema „Dankbarkeit“ vom 6. September 2026

von Pfarrerin Regina Brüggemann

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

So lautet der Wochenspruch aus Psalm 103. Mir bedeutet dieses Wort viel, denn es ist mein Konfirmationsspruch. Vor 49 Jahren wurde er mir zugesprochen. Seitdem begleitet mich dieses Wort – gerahmt an der Wand neben meinem Schreibtisch.

Wie oft habe ich darin Trost gefunden, wenn es mir nicht gut ging, wenn ich mutlos war und nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Dann genügte oft ein Blick darauf, damit mir bewusst wurde: So viel Gutes und Schönes habe ich in meinem Leben schon erfahren – und ich kreise gerade nur um das, was fehlt und mir Sorgen macht.

Dieser Blick zurück hat mir geholfen, meinen engen Blick zu lösen. Ich konnte wieder sehen, was mich trug – und wurde dankbar für das, was mir geschenkt worden war.

Dank und Undank – darum geht es auch im heutigen Evangelium. Der Evangelist Lukas erzählt von zehn Menschen, die schwer krank waren und auf wunderbare Weise gesund wurden:

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14 Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen. (Lukas 17,11–19)

Die Krankheit, von der hier die Rede ist, können wir uns heute kaum vorstellen: Aussatz, Lepra. Für die Menschen damals bedeutete diese Krankheit nicht nur körperliches Leiden. Wer aussätzig war, wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Kranken mussten ihre Familien verlassen und durften gesunden Menschen nicht nahekommen. Sie waren abgeschnitten vom Leben. Auch vom religiösen Leben. Als Unreine durften sie weder den Tempel noch die Synagoge betreten. Die zehn Aussätzigen, von denen Lukas erzählt, waren Menschen ohne große Hoffnung. Sie waren zwar lebendig, konnten aber nicht am Leben teilnehmen.

Und dann geschieht das Unfassbare. Jesus sieht sie und heilt sie. Unvorstellbar, was das für diese Menschen bedeutet haben muss. Plötzlich wieder gesund! Sie dürfen zurückkehren zu ihren Familien. Zurück ins Leben.

Seltsam ist: Nur einer von den zehn, ein Samariter, läuft zu Jesus zurück, um ihm für seine Heilung zu danken. Was unterscheidet diesen einen von den anderen neun? Wir wissen es nicht. Vielleicht waren die anderen so überwältigt von ihrer Freude, dass sie nur noch nach Hause wollten. Vielleicht dachten sie später daran, sich zu bedanken. Oder sie betrachteten ihre Heilung einfach als glücklichen Zufall.

Aber der eine sieht seine Heilung mit anderen Augen. Er fragt nicht nur: Was ist mir geschehen? Er fragt auch: Wem verdanke ich das?

Und genau darin liegt der erste Schritt zur Dankbarkeit: Danken beginnt mit dem Innehalten. Mit dem Zurückblicken. Mit der Frage: Was ist mir eigentlich alles geschenkt worden?

Vieles in unserem Leben halten wir für selbstverständlich: Dass wir morgens aufstehen können. Dass wir Menschen haben, die uns liebhaben. Dass uns etwas gelingt, an dem wir lange gezweifelt haben. Dass wir Freunde haben, mit denen wir lachen können. Dass wir nach einem Streit eine zweite Chance bekommen.

Natürlich kann man all das auch anders erklären. Man kann sagen: Das war Glück. Zufall. Meine eigene Kraft. Und natürlich gehört all das auch dazu.

Aber der Glaube eröffnet noch eine andere Perspektive. Er lässt mich fragen: Ist wirklich alles selbstverständlich?

Der Samariter jedenfalls sagt: Nein. Er hat nicht vergessen, wie es vorher war. Wie es ist, krank, ausgeschlossen und hoffnungslos zu sein. Darum kann er jetzt umso dankbarer sein.

Danken heißt Erinnern. Sich erinnern an das, was war. Und dadurch neu sehen, was ist.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Vielleicht ist das ja eine der großen Gefahren unseres Lebens: Dass wir das Gute so schnell vergessen. Das Schwierige bleibt uns oft viel stärker im Gedächtnis. Ein einziges ärgerliches Wort kann uns einen ganzen Tag lang beschäftigen. Eine schlechte Note, ein Streit mit Freunden oder das Gefühl, nicht dazuzugehören, kann alles andere überschatten.

Aber der Psalm sagt: Vergiss nicht! Vergiss nicht die Menschen, die dir geholfen haben! Vergiss nicht die Kraft, die dir geschenkt wurde! Vergiss nicht das Gute und die schönen Augenblicke!

„Das Leben besteht aus Augenblicken. Strecken wir uns nach ihnen aus und bewahren die schönen und tiefen.“ So schrieb mir neulich ein lieber Mensch, der zurzeit eigentlich viel mehr Grund zur Klage als zum Dank hätte. Ich finde, darin steckt viel Weisheit. Denn Dankbarkeit bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut wäre. Sie bedeutet auch nicht, dass wir Schwierigkeiten kleinreden oder Leid einfach übersehen. Aber sie kann unseren Blick verändern. Sie hilft uns, nicht nur auf das zu schauen, was fehlt, sondern auch auf das, was da ist. Nicht nur auf das, was uns Sorgen macht, sondern auch auf das, was uns trägt.

Vielleicht ist das die Umkehr, von der die Geschichte erzählt. Der Samariter kehrt um. Er hält inne. Und er entdeckt: Meine Heilung ist nicht selbstverständlich. Sie ist ein Geschenk. Glauben heißt vielleicht genau das: das Gute im Leben nicht zu übersehen – und darin etwas von Gottes Güte zu entdecken.

Die Theologin Dorothee Sölle hat es als eine geistliche Übung bezeichnet, jeden Tag drei Dinge zu finden, für die sie Gott danken kann. Drei Dinge. Manchmal ist das ganz leicht. Aber es gibt auch Tage, an denen es schwerfällt, auch nur einen einzigen Grund zum Danken zu finden. Vielleicht lohnt es sich gerade dann, genauer hinzuschauen.

Probieren Sie es doch in der kommenden Woche einmal aus: Jeden Tag drei Dinge finden, für die Sie dankbar sein können. Etwas Großes oder etwas ganz Kleines. Ein freundliches Wort. Ein schöner Augenblick. Und vielleicht entdecken Sie dann neu, was der Verfasser des Psalms schon längst wusste:

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Amen

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