
Bereits seit der Ausbreitung der Reformation war es für die Bevölkerung Salzigs wohl kaum vorstellbar gewesen, einmal ein evangelisches Gotteshaus in ihrem Ort zu haben, denn aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Kurfürstentum Trier bestand für sie schon seit der beim Augsburger Religionsfrieden 1555 getroffenen Vereinbarung, dass die Konfession des jeweiligen Landesherrn bestimmend für die dessen Untertanen ist, die Verpflichtung zum katholischen Bekenntnis. Selbst nachdem der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739-1812) mit seinem 1783 erlassenen eingeschränkten Toleranzedikt unter bestimmten Bedingungen auch Protestanten die Niederlassung in seinem Erzstift erlaubt hatte und ihnen infolge der Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen sogar im Mai 1802 das Recht auf freie Religionsausübung zugestanden worden war, ließen sich erste Verwaltungsangestellte und -beamte mit evangelischer Konfession erst in Salzig nieder, seitdem das Gebiet links des Rheins vom 5. April 1815 an unter preußischer Verwaltung stand.
Da sie aber auch jetzt nur sehr vereinzelt zuzogen, hatte der Ort selbst um die Wende zum Jahr 1900 noch so wenige evangelische Einwohner, dass sie wegen ihrer viel zu geringen Zahl kaum in Erscheinung traten.
Erst seine durch das Aufblühen der Dampfschifffahrt auf dem Rhein bedingte zunehmende Bedeutung als Leichter- und Ankerplatz für den Frachtverkehr und die unaufhaltsame Aufwärtsentwicklung des 1925 anerkannten Bades brachten ihm dann letztlich besonders nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) einen stetigen und zugleich erheblichen Zuzug von Neubürgern, unter denen sich zahlreiche Evangelische befanden.
Mit der kontinuierlichen Zunahme des evangelischen Bevölkerungsanteils gingen bereits vom Ende der 1920er-Jahre an Bestrebungen einher, die bislang nur in Boppard mögliche kirchliche Betreuung durch die Einrichtung eigener Gottesdienste vor Ort zu erweitern. Große Verdienste als treibende Kraft und Organisator der Bemühungen erwarb sich zweifelsfrei der Presbyter und Obergärtner des dortigen Badebetriebs Wilhelm Born sen. (* 17. Juni 1867; † 13. Juni 1951), dem es ein Herzensanliegen war, sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für dieses Vorhaben einzusetzen.
Gemeinsam mit seinen Glaubensbrüdern und verschiedenen Kurgästen, die sich regelmäßig in Bad Salzig aufhielten, formulierte er das Anliegen zunächst in einem an das Bopparder Presbyterium gerichteten Schreiben, das von diesem befürwortet an das Konsistorium der Rheinprovinz in Düsseldorf weitergeleitet wurde und schon bald einen ersten Erfolg brachte, den zwar alle Antragsteller erhofft, aber wohl nur die wenigsten von ihnen erwartet hatten.
Als die Behörde nämlich nach eingehender Prüfung der Verhältnisse zu der Auffassung gelangt war, dass die evangelische Bevölkerung des Ortes erheblich zugenommen hat und in der Hauptkurzeit durch die hier weilenden Badegäste noch wesentlich größer ist, gliederte sie Bad Salzig in die Reihe der zu betreuenden Kurorte ein und ordnete daraufhin während des Sommers drei Monate lang sogenannte „Kurprediger“ dorthin ab. Nun galt es, noch einen zweckmäßigen Raum zu finden. In der Hoffnung auf Verständnis und Entgegenkommen nutzte Born seinen guten Kontakt zu Kurdirektor Wilhelm Hasslacher von der örtlichen Badeverwaltung, der sich diesbezüglich an den seinerzeitigen Besitzer des Bades, die Rheinischen Stahlwerke in Essen wandte und dort letztlich am 30. Mai 1933 erreichte, von Juni bis August an jedem Sonntagvormittag die Badehausvorhalle eine Stunde lang unentgeltlich für diesen Zweck zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Schon bald darauf gestattete man dann, einen Saal im Kurhaus Lahmeyer zu nutzen, in dem sich fortan durchschnittlich 50 bis 60 Personen zum gemeinsamen Sonntagsgottesdienst zusammenfanden.
Obwohl er das anvisierte Ziel damit erreicht hatte, gab Born sich noch nicht zufrieden, sondern strebte jetzt die Gründung einer eigenen Gottesdienststätte in Form einer Kapelle an. Hierfür musste nun zunächst ein Grundstück erworben werden, das sich von seiner Größe und Lage her für dieses Vorhaben eignete, denn das Kirchlein sollte nach seiner Fertigstellung nicht nur architektonisch ansprechend sein, sondern sich auch optisch von der Umgebung abheben und sich zugleich noch bereichernd in das Gesamtbild des aufstrebenden Kurortes einfügen.
Am 6. Juli 1934 teilte Born dem damaligen Pfarrer Georg Goebel (1874-1966) mit, ein im Besitz der Badeverwaltung befindliches, sich für diesen Zweck geradezu anbietendes Gelände gefunden und auch schon ausgemessen zu haben. In der Erwartung, dass es von der Kirchengemeinde angekauft werde, habe er sich sogar schon an maßgeblicher Stelle erkundigt und erfahren, dass man es zugunsten des Kapellenbaus abtreten würde.
Es befand sich gegenüber des Badegeländes auf einer leichten Anhöhe mit dichtem Baumbestand und somit in landschaftlich einzigartiger Lage, weshalb es sofort auch bei Pfarrer, Presbyterium und Gemeindemitgliedern auf gleichermaßen große Zustimmung stieß. Die Anfertigung der Pläne, die Aufstellung der Kosten und die Bauleitung oblagen dem angesehenen Architekten Otto Schönhagen (* 8. Oktober 1885; † 10. Januar 1954).
Schon zwei Wochen nach Baubeginn, als die Fundamente fertiggestellt waren, versammelten sich die evangelischen Bewohner Bad Salzigs mit Pfarrer Goebel, den geladenen Ehrengästen, dem Presbyterium, Vertretern der Bopparder Gemeindemitglieder, zahlreichen Kurgästen und weiteren Festteilnehmern am Sonntag, dem 28. Juli 1935, gegen 15.30 Uhr auf dem mit Fahnen geschmückten Bauplatz zur feierlichen Grundsteinlegung. Dank ihrer fleißigen Arbeit war es den Bauausführenden gelungen, das Gotteshaus bereits im März 1936 fertigzustellen. Nachdem der für den 29. März anberaumte Termin wegen der Reichstagswahl hatte verschoben werden müssen, erhielt die Kapelle zur großen Freude aller am Bau Beteiligten, insbesondere der evangelischen Bewohner Bad Salzigs, am Sonntag, dem 26. April 1936, ihre kirchliche Weihe.
Während nach Beginn des Zweiten Weltkriegs [1. September 1939] zunächst noch regelmäßig Gottesdienste in der Kapelle hatten gefeiert werden können, zwangen Brennstoffmangel und die sich immer weiter verschärfenden Luftangriffe dazu, diese ab Anfang September 1944 mit Beendigung des Kurpredigerdienstes einzustellen und in der Folgezeit ganz ausfallen zu lassen.
Renovierung in den 1960er-Jahren
Obwohl die Kapelle immer instand gehalten und die ursprüngliche Koksheizung bereits im Juni 1964 auf Ölfeuerung umgestellt worden war, ergab sich nach rund drei Jahrzehnten der kontinuierlichen Nutzung für die evangelische Gemeinde die Notwendigkeit, umfangreiche Renovierungsmaßnahmen daran durchführen zu lassen und im Zusammenhang damit auch das sie umgebende Gelände neu zu gestalten.
Generalsanierung 1997
Nach der Erschließung des Neubaugebiets Auf dem Ellig erhielt die Kapelle 1990 eine eigene Zufahrt vom Hüttenweg aus, die sie nun auch mit dem Auto erreichbar machte und die Anlage von fünf Parkplätzen auf dem daran angrenzenden Teil des Grundstücks ermöglichte, das man 1957 im Hinblick auf eine eventuelle Erweiterung angekauft hatte.
Außerdem legte man noch im selben Jahr einen Anschluss an die öffentliche Gasversorgung, worauf 1992 die Umstellung der Heizung auf Gasfeuerung folgte, und 1993 einen neuen Wasseranschluss. Um die Kapelle aber auch auf die weitere Zukunft hin gesehen erhalten zu können, mussten schon bald darauf sehr umfangreiche Instandsetzungsarbeiten folgen, denn ihr baulicher Zustand gebot zu dieser Zeit dringenden Handlungsbedarf.
Umsetzung einer erweiterten Nutzungskonzeption
Ein vorliegendes Sachgutachten über das große Schädlingsaufkommen im Balkenwerk und die zu dessen Behebung nötigen finanziellen Investitionen sowie weitere bei einer notwendigen Renovierung zu erwartenden Kosten veranlassten das Presbyterium dazu, die Kapelle ab 1. Januar 2016 zu schließen und ein eigenständiges Konzept für sie zu erarbeiten.
Um sie vielfältiger als bisher im Rahmen der Gemeindearbeit nutzen und darüberhinausgehend auch Vereinen, Gruppen und Privatpersonen für Feiern in einem größeren Kreis zur Verfügung stellen zu können, wurde zunächst im Sommer 2018 eine Fachfirma mit der Beseitigung des Ungezieferbefalls beauftragt, der sich glücklicherweise als nicht so gravierend wie befürchtet erwies, aber erheblich hartnäckiger als bisher vermutet war.
Da sich die angedachte erweiterte Nutzungskonzeption derzeit in dem Besucherraum nicht hätte verwirklichen lassen, mussten dort die starren Bänke weichen und die beim Entfernen sichtbar gewordenen Bohrlöcher für die Befestigungswinkel mit Holz ausgebessert werden.
Auszug aus dem Kapellenführer
Autorin: Hildegard Tschenett